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Das hier is vielleicht über Kreuzberg. Wer seinen Kiez hat, braucht keen zwoten. Die Sache is die, dass in el Berlino so ne Art “Kiezfäulnis” vorherrscht (vielleicht heißt das Nomen auch eher “Faulheit”, “Fäulnis” klingt aber auch ok).Das is so, weil auch jeder zum Beispiel seinen Kladdaraddatsch umme Ecke in seinem Lieblingsspätkauf kauft. Die heißen dann etwa “Späti am Schlesi”, “Murat’s Tabak-Oase” & “Spiel Lotto bei Otto” oder so. Auch typisch für die Kiez-Liebe: schließt etwa der Friedrichshainer nach ner langen Nacht seine Augen im Bett, stellt er sich janz imaginär die Türklinke seiner Stammkneipe vor und kann sie nahezu “fühlen”. Weil er sie nunmal sowas von kennt, diese Klinke. Und er weiß, wie er sie zu betätigen hat und in welchem Sekundenbruchteil sie ein wenig beim Öffnen klemmt, ehe er dann schließlich ‘gen 18:00 Uhr die Kneipe betritt und ihn der Geruch von kaltem Rauch und WC-Stein erschlägt. Ich bin heute Abend nicht beim Stammtisch und bin daher froh, einen loyalen Kühlschrank zu haben, der immer paar Astra aus’m Gemüsefach springen lässt… die COOLE Sau (= Schenkelklopper).

Eins ham aber alle gemeinsam, egal ob prenzelberger Latzhosen-Mami-Gäng oder Kreuzberger PVV (Plastiktischdecken-Verticker-Verein): jeder weiß in seinem Kiez alles über jeden. Da isse wieder, jene Berliner Transparenz, wie ich sie nenne. Daher lebt es sich im Kiez viel angenehmer, wenn man sich midder Transparenz anfreundet und innerhalb dieses Nachbarschaftsdaseins Kollegialität und Integrität fördert. Kennt man doch, “Integralrechnen”. Ich gehe dabei mit nem simplen Beispiel voran: mein Kiez ist nunmal der Simon-Dach-Kiez, weshalb ich nach nur 6 Monaten ungefähr 13 neue Fremdsprachen dazugelernt habe, sogar mit unterschiedlichen Dialekten. Der “Simon Dach” is der Kiez of Kiezes, wenn’s um folgende Dinge geht: //wer schafft’s noch besoffener/ich verkauf Ingwer-Agaven-Honigmelonen-Suppe/meine Bar unterscheidet sich sehr wohl von deiner (nicht)/sorry, kenn den Weg nich, bin nich aus Berlin/vamos a tomar unas cervecas/hassu 20 Cent?//und so weiter! Das alles is dann halt nahezu freiburgmäßig alternativ angehaucht im Endeffekt. Nur ohne Dreadlocks-Menschen halt, logn.

Aus dieser Masse – um nun auf mein Beispiel der kollegialitätsfördernden Kiezkommunikation zurückzukommen – heben sich jene Kollegen, die nicht auf’m Indie- oder Berghain-Trip sind, massiv ab. Unter anderem wären dies jene, die im Pöbel-Slang schlichtweg “die Gheddos” genannt werden. Sie konsumieren keine Ingwer-Agaven-Honigmelonen-Suppe, fragen nicht ob Glutamat im Curry is, trinken keine Club-Mate und wippen auch nich mim Kopp zu “Somebody that I used to know”. Auch gut. Sie stellen dagegen ab und an Fragen, um sich im Kiez dennoch zurechtzufinden. Wie etwa die zwei Gheddos von Samstagnacht, die meinen Heimweg vonna Kneipe kreuzten: “Eeeh… die weiß das bestimmt…”, murmelte einer zum andern, “eh du, Mädschn!” Ich: “Wasn?” Er: “Was is Black Sabbath aigntlüsch?” Ich so am überlegen, ob die Frage echt so gemeint war wie se ankam. Aber es warn ja Kerle, weshalb also die Frage EXAKT so gemeint sein musste, wie sie gestellt worden war und nicht anders! Meine Antwort folgte zäh und zögernd: “Na Black Sabbath halt…is’n Energydrink, n ganz normaler Energydrink wie Red Bull, verstehste.” Womit denen geholfen war und ich zufrieden meinen Weg fortsetzte. Wozu deren komplette Welt mitten inna friedvollen friedrichshainer Nacht umkrempeln?! Die Hauptsache lag doch in einer kiezkollegialen und sensiblen Antwort meinerseits.

Kiezkollegialität ist zudem, dass mein Nachbar Helmut (Rosemarie’s Mann) den Techno-Alarm-Scheißer unter mir verkloppen wird, wenn er nochma’ diese Goa-Scheiße vormittags anmacht. Kiezkollegial is außerdem, dass Helmut mir nachts so kurz vor 01:00 die Tür aufmacht und mir n Pflaster entgegen streckt, weil ich mal wieder n Messer in der Hand stecken hab statt im Tofu. Es war dummerweise n Wärmepflaster, was sich auf der Wunde als mächtig heiß erwies, aber egal, weil: kollegial. Und ich petze wiederum bei Rosemarie nicht, dass Helmut seinen 70-Umdrehungen-Strohrum zwischen den Geranien auf’m Balkon bunkert. Wieso sollte ich? Helmut und ich würden dann nie mehr zu zweit am helligten Tage raketenstramm und strunzevoll meine gekooften Flohmarktmöbel in eleganten Sinuskurven zu mir in den 2. Stock schleppen. Kiezkollegial is auch, wenn Kathy vonna Lady-Muckibude mir den ultrascharfen Flat-Fee-Power-To-Go-1,5-Liter-L-Carnitin-Plastikbecher in metallic-blau klarmacht, ob wohl ich garnicht den Flat-Fee-Power-Carotin-Tarif am Start hab. Kiezkollegial is das Mehdi vonna Videothek mir als Schmankerl n zweiten Film für Lau mitgibt. Hatte leider keinen Blu-Ray Player, aber juckt ja net. Kiezkollegial sind nich nur die Buddies aus’m Hood, sondern auch alles andere was dich umgibt. Etwa nicht-intakte Fahrkartenautomaten –> Black Magic: sie legitimieren das Schwarzfahren.

Aber manchmal (wenn auch selten) gibt es selbst im Kiez mal Kommunikationsdiskrepanzen. Um nun meine Kommunikationsstudie abzurunden, mag ich noch dieses Beispiel aufwerfen, welches sich am Boxhagener Platz ereignete, ehe ich die beiden Gheddos traf: Die X, die Y und ich stehen an der Bar. X: “Der midder Mütze is niedlich.” Ich: “Schick ihm n Luftkuss.” Sie: “Bleib ma ernst.” Ich: “Soll ich jetzt sagen, dass du ihn nach Feuer fragen sollst oder was?” Sie: “Wenn ich ihn anlaber, weiß er eh dass er cool is, das nimmt die Spannung weg.” Ich: “Stimmt. Also lass nach Hause gehn und deinen Papa anrufen. Den kannste 10 Mal täglich anrufen und er wird dich voll liebenswürdig und stets interessant finden. Geh da jetz hin, scheiß einen auf Zurückhalt-Tunten-Technik!” Und schon ging sie in richtung Mützen-Kalle und fragte nach Feuer. Mützen-Kalle gab ihr Feuer, rallte jedoch nicht, was die “Feuer-Frage” zu bedeuten hatte. Also setzten wir uns an seinen Tisch, zu ihm und seinem Spaggn-Freund und laberten so für uns und warteten drauf, dass er was sagte. Und er sprach. Ja. Als ich meine Kippe zwischen die Lippen klemmte, fragte er:”Brauchst du vielleicht auch Feuer?”. Wow, was ne Konversation! Richtig dreckig schon, heißer Stoff, der geht ja mal richtig ans Eingemachte. Not. So saßen wir nun alle Feuer und Flamme für einander an diesem Tisch, welcher sich mit abertausenden von leeren Bierflaschen füllte und nichts passierte. Ausgenommen von diesem behinderten Feuerumgereiche. Ich so zu X, nachdem 2,5 Stunden vergingen: “Wenn wir jetz gehen, wird er fragen, wohin wir gehen.” Und er fragte natürlich. Ich entgegnete: “Wird das n Quiz? Nach Hause. Weil du die Weisheit mit ner Gabel gelöffelt hast.” Er:”Hä?”. Wir: “Eben!”. Und so gingen wir. Und ich ließ mir nochma Feuer geben. Zuhause wartete immerhin ein intelligenter Mann auf mich im Bett: Kästner. Ich war die Nacht zuvor bei seinem Gedicht “Sachliche Romanze” auf S. 49 stehen geblieben. Bei folgender Schlusszeile… geht um Mann & Frau, die sich nach 8 Jahren nix mehr zu sagen haben, wie wir zuvor mit den Spaggn in der Kneipe halt nach 2,5 Stunden und 15 Biers: “Sie gingen ins kleinste Café im Ort und rührten in ihren Tassen (Bieren). Am Abend saßen sie immernoch dort, sie saßen allein und sprachen kein Wort, und konnten es einfach nicht fassen.”

Noch was: ich war nicht auf dem Scheiß-Fernsehturm, so ganz entgegen meiner letzten Vorankündigung. Ich habe auch nicht in diesem elenden, sich drehenden Restaurant dinniert, ebenso ganz entgegen meiner Ankündigung. Wieso? Was wieso?! Hab halt einfach gelogen, heiße Luft gelabert, verstehste? Ich fahr doch nich mit nem klebrigen Fahrstuhl da hoch und pfeif mir da oben gepresste Hähnchenkeulen auf wiedergekäuerten “Prinzessbohnen” rein und verspeise den Klimbimm dann noch mit nem Druck auf den Ohren vonna Höhe da oben. Und dreh mich dabei wie bescheuert im Kreis, um hinterher für dieses Krankenhaus-Niveau-Essen nen Fuffi hinzublättern. Könnte mir just im Moment nix Ätzenderes vorstellen, was dem nahe käme. Vielleicht Geräteturnen in der 8. Klasse. Weshalb ich das dennoch neulich angekündigt hatte? Lies die Überschrift des Textes. Ja, Versprechen sind zum Brechen. Ging ja auch nirgends um Kreuzberg, gemerkt?

von meinem iPhone gerülpst.

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Foto: Natalia für Geschnackvoll